Von Bären und Jägern im Seklerland Kontroverse um den Schutz des Braunbären in Rumänien Tierschutzkreise in ganz Europa sorgen sich um den
Bestand der Braunbären in den rumänischen Ostkarpaten. Anstoss dafür gibt eine
emotional geführte Kampagne einer kleinen rumänischen Naturschutzorganisation. Gefordert
werden ein Ende der kommerziellen Jagd auf die Bären und die Einhaltung der Berner Jagdkonvention. Wok. Szekelyudvarhely, im April Man könnte es sich mit der obigen schwer aussprechbaren
Ortsangabe auch leichter machen. Szekelyudvarhely trägt ebenfalls die
rumänische Bezeichnung Odorheiu, und die Siebenbürger Sachsen im dem eine
gute Fahrstunde entfernten Schässburg nennen den Ort Oderhellen. Die Rede ist
vom Hauptort des Seklerlands (ausgesprochen mit langem e), einem fast
ausschliesslich von Ungarn besiedelten Berggebiet in den östlichen Karpaten,
das wegen der Autonomieforderungen seiner eigensinnigen und fleissigen
Bewohner periodisch für Schlagzeilen sorgt. Doch im Folgenden geht es nicht
um Politik, sondern um den Bären, oder besser: um die Politik mit den Bären. «Genie der Karpaten» Ihren Anfang nahm die leidige Geschichte zu Ceausescus
Zeiten. Der ehemalige Schuster und grössenwahnsinnige Conducator tauschte nur
allzu gern sein Zepter mit der Jagdflinte, um auf alles zu schiessen, was
männliche Stärke zu vermehren verspricht. In den Jahren seiner Herrschaft
entstanden darum in dem nordöstlich von Oderhellen sich erhebenden
Harghita-Gebirge eine Reihe von komfortablen Jägerhäusern, von wo aus das
«Genie der Karpaten», wie ihn die Presse bejubelte, an einem einzigen Tag bis
zu zehn Bären erlegen konnte, und zwar ohne sich die Schuhe schmutzig zu
machen, fast schon wie in einem Computerspiel. Jagdaufseher hatten zuvor
täglich Köder ausgelegt, das sprach sich unter den Bären herum, und sie
erschienen in Scharen. Wenn der Meisterschütze nach vollbrachter Tat wegfuhr,
herrschte Ruhe im Wald. Denn nur er und sein engstes Gefolge hatten damals in
Rumänien das Recht, die Braunbären (Ursus arctos) zu erschiessen – von Jagen
kann unter solchen Umständen kaum gesprochen werden. Nachdem den Diktator und einzigen Bärentöter Rumäniens
Ende 1989 dasselbe Schicksal ereilt hatte wie zuvor seine unzähligen
vierbeinigen Opfer, wurde im Land eine eindrückliche Bärenpopulation
verzeichnet; Fachleute sprachen von einem Überbestand, der Mensch und Natur
gefährde. Beinahe 8000 der Tiere lebten in Rumänien, exakt 1185 allein im
Harghita-Distrikt. Diese Zahlen nennt Laszlo Szabo-Szeley, Biologe,
Photograph, Reiseveranstalter und Präsident der Stiftung Aves, die sich dem
Schutz der Bären verschrieben hat. Bärenmassaker? Im vergangenen November sandte der Aves- Präsident ein
alarmierendes Schreiben an den für die Jagd zuständigen Minister. Darin wies
er auf einen dramatischen Rückgang der Bärenpopulation im Seklerland hin,
verursacht durch ungesetzliche Jagdmethoden und unrealistisch hohe
Abschussquoten. Weiter sprach Szabo-Szeley von korrupten Praktiken der
zuständigen Wildhüter. Sie hätten primär Interesse an der Vergabe von
Abschussbewilligungen an reiche westliche Ausländer, der Fortbestand des
Ursus arctos sei ihnen egal. Die Sache wurde publik, eine
Unterschriftensammlung gegen das «Bärenmassaker» (www. ursusarctos.ro) wurde
lanciert, und Szabo-Szeley ist seit einigen Auftritten am Fernsehen nun ein
landesweit ebenso bewunderter wie gehasster Mann. Ist sein Vorwurf berechtigt? Der Bärenschützer, der die
Harghita-Berge seit dreissig Jahren bereits beinahe täglich durchstreift,
legt eigene Statistiken vor, nach welchen der offiziell angegebene
Bärenbestand massiv aufgebläht ist. Die zuständige Fachperson bei dem vom WWF
koordinierten Programm zum Schutz der grossen Fleischfresser in den Karpaten
(www.clcp.ro) kennt die Aves-Kampagne und bestreitet den Vorwurf des
Massakers rundweg, räumt aber ein, dass es bei den Jagdmethoden tatsächlich
Probleme gebe. Wenig erstaunlich. So bietet etwa ein deutscher Veranstalter
im Internet Einzel- oder Treibjagd auf Braunbären in Rumänien an, sieben Tage
inklusive Trophäenbewertung und garantierten Abschusses für
10 100 Euro. «Der Jäger bekommt die Decke (roh) und den roh
präparierten Schädel», ist da zu lesen. Bei solchen Preisen erreichen die
jährlichen Einnahmen aus den Jagdlizenzen Millionenhöhe. Ein einäugiger Jagdaufseher Was aber tun, wenn die garantierte Trophäe nicht vor
die Flinte trotten will? Wir sitzen nun seit zwei Stunden am Rande einer
Waldlichtung und warten. Nichts regt sich. Die letzte Sonne ist längst von
den Tannenwipfeln geschwunden, kalt ist es, und eine schwere Müdigkeit stellt
sich ein. Neben uns sitzt Laszlo Szabo-Szeley, in Postur und Gehabe selbst
ein Bär, und schnarcht vernehmlich. Den ganzen Tag über hat er uns durch die
bergige bewaldete Wildnis geführt, immer auf der Suche nach jenen versteckten
Höhlen im Lavagestein, welche die Harghita-Berge zum idealen Bärenhabitat
werden liessen und wo die Tiere ungestört überwintern können. Auf unzählige
Bärenspuren stiessen wir, kleine und grosse. Der grösste im Schnee hinterlassene
Tatzenabdruck mass 18 Zentimeter in der Breite, nach Meinung des Experten von
einem gegen 300 Kilogramm schweren Tier stammend. Die Dunkelheit senkt
sich nun über die Lichtung, und wir denken an den Fussweg, den es bis zum
abgestellten Auto zurückzulegen gilt, durch dichten Wald, ohne Taschenlampe.
Im Gepäck haben wir ein von dem Bärenschützer verfasstes, reich bebildertes
Bärenbuch. Eine der Aufnahmen will uns nun nicht aus dem Kopf. Zu sehen ist
da ein Jagdaufseher aus Oderhellen, das einäugige Gesicht von der Pranke
einer Bärenmutter schwer gezeichnet. Wir mahnen zum Aufbruch – ohne einen
Bären zu Gesicht bekommen zu haben. Vielleicht hätten wir uns besser bei jenem ehemaligen
Jagdhaus Ceausescus einrichten sollen, das wir am Morgen von aussen besichtigt
hatten und wo die Bären offenbar regelmässig routinemässig Einkehr halten.
Kein Wunder. Hier wird wie in alten Zeiten stets Futter ausgestreut. In rund
zwanzig Meter Distanz von der Schiessscharte des Jägerhauses steht ein
Eisengitter voller Tierknochen, ein Bärenköder. Der Ursus arctos liebt
nämlich nicht nur Honig, auch Tierkadaver verschmäht er nicht. Und das wissen
die Jäger nur allzu gut. An diesem Ort ist selbst einem hoffnungslosen
Weidmann Erfolg garantiert. Die Berner Konvention zur Regelung der Jagd in
Europa, auch von Rumänien unterzeichnet, verbietet derartige Methoden. «Sie
lassen den Tieren keine Chance», sagt Szabo-Szeley und schweigt. Tage später sitzen wir dem
Vorsteher des rumänischen Jagdverbands gegenüber, dem Regierungschef Nastase.
«Ist Rumäniens Bärenbestand gefährdet, Herr Ministerpräsident?» Nein, sagt
er, der schon selbst vier der Tiere erlegt hat. Es bestehe eine klare Politik
zum Schutze der gegenwärtig etwa 5000 Bären. Demnächst finde in Bukarest eine
internationale Jagdkonferenz statt, und bereits jetzt stehe fest, was die
Jäger aus aller Welt ihm bescheinigen würden: Rumänien sei für die Bärenjagd
das beste Land der Welt. Ob die Bären das auch so sehen? Martin Worker |